31. Juli 2016 Frank Klement , Die LINKE.Unna

Antwort vom Heckenschützen

Heckenschützen aus den eigenen Reihen seien diejenigen, die Sahra Wagenknecht für ihre Äußerungen anlässlich des Anschlages in Ansbach kritisiert haben, „übliche Verdächtige“ überdies, die Denk- und Debattenverbote über die Partei verhängen wollten, die „reflexhaft“ Kritik an der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung als rechts „brandmarken“. Man „haue“ via Twitter Gedanken raus, mit denen die Presse dann „scharf“ auf Wagenknecht „schieße“.

Der Autor des Artikels in den Nachdenkseiten, Jens Berger, ist offensichtlich nicht nur von seiner eigenen (Gewalt)Rhetorik so hingerissen, dass er nicht merkt, wie schief das Bild des „Heckenschützen“ ist. Der nämlich sitzt hinter dem Busch oder der Mauer und feuert auf Wehrlose.
Hingegen: Die Kritik an Sahra Wagenknecht war öffentlich und Sahra Wagenknecht ist alles andere als wehrlos. Dem Verfasser Jens Berger kann die Funktion seiner Wortwahl also kaum verborgen geblieben sein.

Ein Diskurs ist nicht nur öffentliche Rede und Gegenrede. Er erzeugt und strukturiert „Realität“.
Der Diskurs der politischen Rechten in diesem Land erzeugt ständig und bei jeder Gelegenheit das Bild eines Zusammenhangs zwischen Flüchtlingspolitik und der jüngst geschehenen Attentate und sei es nur deswegen, weil der jeweilige Täter einen „ausländischen“ Namen trug. Keiner der Täter war im Zuge der Grenzöffnung im vergangenen Jahr nach Deutschland gekommen. Allein deshalb gibt es keinen Zusammenhang zwischen Flüchtlingspolitik und den aktuellen Attentaten.
Wagenknechts Argumentation dockt aber genau an diesem angeblichen Zusammenhang an. Ihre Rede ermöglicht dem Hörer die Verknüpfung des „Flüchtlings“ mit dem „Attentäter“ und ist schon deshalb „populistisch“, weil sie vorhandene Ängste aufgreift und verstärkt. Dieser Effekt ist im Übrigen zunächst einmal unabhängig davon, was inhaltlich sonst gesagt wird.

„Leichtfertig“ kann man es nennen, wenn durch Merkels Regierung das Asylrecht weiter abgeschliffen oder die Integration vieler Menschen dadurch gefährdet wird, dass im Bildungs- oder besser: im gesamten Erziehungsbereich die Mittel nicht zur Verfügung gestellt werden, um schwer traumatisierten Menschen hineinzuhelfen in diese Republik. Ein „Wir-schaffen-das“ im Zusammenhang mit der Grenzöffnung als leichtfertig zu benennen, ist schon sprachlich grober Unfug, weil das Wort „Schaffen“ auf Anstrengung verweist, eine Anstrengung, an der sich viele Mitglieder unserer Partei beteiligt haben. Die Bilder an den Grenzzäunen, die auf Flüchtlinge gerichteten Gewehrläufe schon vergessen? Bedienen darf sich nun, wem die ganze Richtung nicht passt.
Und was soll das: Konnte man im Zusammenhang mit den Attentaten vernünftigerweise betonen, das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung müsse auch dadurch gestärkt werden, dass man wisse, wer sich im Land befindet ? Von allen Attentätern wusste man, dass sie sich im Land befinden.

Wer nun wie Sahra Wagenknecht spricht, weiß darum, dass mit rechten Gefühlslagen und Argumentationslinien hantiert wird.
Es hilft auch keine „Verschweigen-ist-nicht-links“-Attitüde.
„Links“ könnte sein, die derzeit herrschenden Diskursrituale mit einer gewissen Vorsicht aufzubrechen. Innerparteilich könnte die Frage gestellt werden, wie wir mit den Milieus umgegangen sind, die nun von Sahra Wagenknecht angesprochen werden (Antwort offen und eine Baustelle, die jetzt hier nicht weiter vertieft werden soll).

Katja Kipping hat im Sommerinterview der ARD (unter deutlicher, aber wie es ihre Art ist, auch ausgleichender Kritik an Wagenknecht) darauf verwiesen, allen Tätern der Attentate von Würzburg, München und Ansbach sei gemeinsam, dass sie sich auf das Leben missachtende Ideologien bezogen haben, rechtsradikale und fundamental-islamistische.
Das ist richtig und zugleich zu kurz gegriffen. Es gibt viel anzumerken und auch Widersprüchliches festzustellen: Zwischen 1999 und 2015 gab es in Deutschland mehrere sog. Amokläufe, Höhepunkt Winnenden 2009. Die Täter waren Deutsche, großenteils Schüler. Zum Teil gemobbte junge Menschen, die sich tief erniedrigt fühlten. Zum Teil auch Menschen, denen offenbar Konflikte über den Kopf gewachsen waren, zum Teil wahnhaft Erkrankte.
Die Amokläufe (?) waren zum Teil lange vorbereitet. Schüler spielten Videospiele (Egoshooter) oder auch nicht. Es soll in einzelnen Fällen Bezüge zu rechtsradikalen Ideen gegeben haben, die Erkenntnisgrundlagen waren aber unsicher uswusf., mit anderen Worten: Vielfältige Erscheinungsformen.
Man befasste sich öffentlich mit der Frage nach Mobbing an der Schule, mit dem Problem des Zugangs zu Waffen oder der Funktion von Videospielen. All das mögen Aspekte sein.
Tausende Menschen fühlen sich oder sind gemobbt, Tausende wurden in ihrem Leben erniedrigt und beleidigt, Tausende spielen ekelhafte Videospiele. Und doch: Welch ein Schritt für die fast immer jungen Männer, sich hinzustellen und einen nach dem anderen abzuknallen oder mit dem Hackebeil ein Schlachtfest zu veranstalten.

In der Entwicklungspsychologie, der Traumaforschung, der Neurobiologie und den Sozialwissenschaften ist Vieles bekannt über die Entwicklungsbedingungen dieser exzessiven Gewalt. Die vorhandenen Erkenntnisse öffentlich anzusprechen und auch kontrovers zu diskutieren, sollte ein Anliegen der Linken sein. Das ist schwierig und eindeutig nicht populistisch.
Der Faschismus hat schwerst gestörten Menschen ein organisiertes Ausleben ihrer Gewaltpotentiale erlaubt. In diesem Sinne hat Katja Kipping Recht, wenn sie auf die das Leben missachtende Ideologien hinweist. Sie ermöglichen den Tätern den Mord im Namen „höheren Rechts“ und ihre Eingliederung in den Sicherheit bietenden Körper ihrer jeweiligen Organisationen.

Der hier geäußerten Meinung muss man natürlich auch nicht sein. Wenn aber die Fraktionsvorsitzende der Partei im Bundestag als Fraktionsvorsitzende spricht oder schreibt, kann auch jede und jeder sagen: Not in my name.
Mit Denk- und Debattenverboten hat die Kritik an Sarah Wagenknecht nichts zu tun. Was wäre denn, wenn als äußerst problematisch empfundene Äußerungen von allen einfach hingenommen würden?