25. September 2016

RÜCKKEHR NACH REIMS (und ein Abstecher nach Berlin)

Didier Eribons Buch „Rückkehr nach Reims“ ist eines derjenigen Bücher, die sich einer Kategorisierung widersetzen. Mein Buchhändler wusste auch nicht so recht, wo es hingehört. Wir suchten es gemeinsam bei Romanen, Biografien, Sozialwissenschaften und Politik.

Von einer gewissen Verschlafenheit des Verlagswesens zeugt, dass dieses in Frankreich vieldiskutierte Buch 2009 erschienen ist, aber erst sieben Jahre später in deutscher Übersetzung vorliegt.

Eribon erzählt von seiner persönlichen Geschichte und der seiner Familie. Und er erzählt vom Niedergang der kommunistischen Partei Frankreichs, der französischen Linken überhaupt und dem Wechsel von großen Teilen ihrer Wählerschaft hin zum Front National. Das Buch ist in einer gleichermaßen präzisen und einfühlsamen Sprache geschrieben.

Nach dem Tod des Vaters reist Eribon von Paris nach Reims zu seiner Mutter, von der er sich aufgrund einer bewussten Entscheidung  - ebenso wie vom Rest der Familie – abgewandt hatte.
In der nun folgenden Befassung mit der Familiengeschichte gelingt es Didier Eribon, sich zweier wesentlicher Aspekte seiner persönlichen Geschichte gewahr zu werden. Er erzählt von doppelter Scham: Nicht zuletzt aufgrund der ewigen Benachteiligung, die er infolge seiner Herkunft aus einer geradezu klassischen Familie des französischen Proletariats und der damit verbundenen kulturellen Begrenzung erfährt, schreibt sich die Scham über die soziale Herkunft aus der Arbeiterklasse geradezu körperlich ein. Als junger Schwuler erfährt er vielfältigste Diskriminierung aus der eigenen Familie, dem Herkunftsmilieu und weit darüber hinaus. Eine weitere, Scham auslösende und permanente Erniedrigung.
Nicht überraschend ist, dass Didier Eribon seine Heimatstadt Reims in den siebziger Jahren verlässt und versucht, im Pariser Intellektuellenmilieu ebenso Fuß zu fassen wie in der entstehenden Schwulenszene. Später werden der Soziologe Pierre Bourdieu und der Philosoph Michel Foucault zu seinen engen Freunden gehören. Über Michel Foucault wird er eine sehr intensive Biografie schreiben.
Eng verschränkt mit der eigenen Lebensgeschichte berichtet Didier Eribon über die kommunistische Tradition der Familie und ihrer Lebenswelt. Wenn von „der Partei“ die Rede war, wusste jede/r sofort, wer gemeint war. Sich mit Stolz als politisches Subjekt zu konstituieren gehörte ebenso dazu wie das Bestreben, die eigenen sozialen Bedingungen zu verbessern. Zugleich schildert Eribon dieses Milieu als durchzogen von rassistischen und homophoben Vorurteilen. Seit den achtziger Jahren habe die französische Linke, infiziert vom neoliberalen und neokonservativen Diskurs, zunächst den Klassenbegriff verloren und dann die Klasse selbst. Damit sei auch eine Orientierung an „oben“ und „unten“ verschüttet worden mit der Folge einer Orientierung zwischen Innen und Außen (Wir Franzosen/die Ausländer). Zugleich warnt Didier Eribon vor der Vorstellung, die soziale Verortung innerhalb des unteren Teils des sozialen Gefüges bestimme durch eine Art „spontanes Wissen“ der Betroffenen ein Klasseninteresse. Wie könne man, so Eribon, die praktische Existenz sozialer Klassen berücksichtigen, ohne bei mystischen Klassenkampf-Beschwörungen zu landen ? Für kritische Intellektuelle und soziale Bewegungen gelte es,einen Resonanzraum zu erzeugen, in dem Sehnsüchte und Energien investiert werden können, wo nicht nur Lösungen erarbeitet werden, sondern auch die Frage gestellt wird, welche Themen wichtig und legitim seien.
In einem Interview mit der ZEIT hat sich Eribon unter anderem zu der Frage geäußert, wie eine moderne linke Partei beschaffen sein müsste, die einen solchen Resonanzraum schafft:
„Wenn eine es eine linke Partei gäbe, die für die Rechte der Arbeiterklasse genauso einstehen würde wie für die Rechte der LGBT-Community, der ethnischen Minderheiten und all den anderen, könnte das eine Instanz sein, die zwischen diesen Gruppen vermittelt und ihnen bewusst macht, wie sehr sich ihre Situationen ähneln, anstatt sie zu Gegnern zu erklären“.
(das ganze Interview hier )
Wer nach der Wahl in Berlin die gesamte Pressekonferenz mit Katja Kipping, Bernd Riexinger und Klaus Lederer gesehen hat, dem könnte aufgefallen sein, dass die Gedanken von Didier Eribon auch eine Reise nach Berlin unternommen haben. Klaus Lederer wies auf den Begriff der „radikalen Mitte“ von Didier Eribon (bei Eribon teilweise auch „extreme Mitte“) ausdrücklich hin. Gemeint sein dürfte damit das „Gedrängel“ in der sogenannten politischen Mitte (durch die in weiten Teilen sozialdemokratische Selbstaufgabe und einen angeblich in den Kategorien von links und rechts neutralen Kurs großer Teile der Grünen.
Die Kampagne: “...und die Stadt gehört Euch“ kann ein Anfang sein in der Erzeugung eines sozialen Resonanzraums, in dem eine andere Geschichte erzählt wird, eine andere politische Konstituierung derjenigen erzeugt werden kann, die ihre Interessen derzeit nirgendwo vertreten sehen (auch nicht in der AfD, obwohl viele Menschen sie aus vielfältiger Verstimmung heraus wählen). Auffällig ist jedenfalls, dass gerade die Berliner LINKE es geschafft hat, klar für die Interessen der sozial Benachteiligten (besser: der Beherrschten, in den Worten von Eribon) einzutreten und genauso entschieden jedes Ressentiment gegenüber Flüchtlingen zurückzuweisen. Wenn es gelingt, in der praktischen Arbeit diesen Spagat dadurch gut aushalten zu können, dass möglichst viele Menschen in demokratische Prozesse einbezogen werden, könnten wir als LINKE die von Didier Eribon gewünschte Instanz werden.

Frank Klement